Samstag, 7. April 2007

World in your eyes.

"[P]rime numbers are like life. They are very logical but you could never work out the rules, even if you spent all your time thinking about them."

Freitag Mittag. Sonne auf der Haut. Die bisher wohl wichtigste Prüfung meines Lebens liegt noch keine 24 Stunden zurück. Im Bikini wassertropfend die Schaukel leicht mit den Füßen zum Schwingen bringend. Es ist der erste Tag mit freiem Kopf seit viel zu langem. Eis und Kaltgetränk in Reichweite. Nachbars Katze schnurrend neben mir. Ein Buch sollte es sein. Meine Belohnung für die ermüdenden Mühen der vergangenen Wochen. Ein Buch – nur so, zur Unterhaltung, zum Berieseln, um wieder zu mir zu kommen. Ich wählte aus dem Regal dasjenige mit dem schönsten Cover aus und beginne, es zu lesen. An einem Freitag. Mittags. Schaukelnd in der Sonne.

Und noch bevor ich es Stunden später wieder schließe, weiß ich es schon: es ist so viel mehr als nur unterhaltsam und berieselnd. Es ist bezaubernd, überraschend, berührend, fesselnd, begeisternd. Es bringt Lachen und Tränen, Wut und Ärger, Hoffen und Staunen. Es ist die schönste Bekanntschaft, die ich seit Wochen gemacht habe.

My name is Christopher John Francis Boone. I know all the countries of the world and their capital cities and every prime number up to 7,507.

Mark Haddons Debütroman „The curious incident of the dog in the night-time“ ist eine Kriminalgeschichte. Der fünfzehnjährige Ich-Erzähler mag Hunde, weil sie, anders als Menschen, nur vier Gemütsverfassungen haben und man daher immer weiß, was sie denken. Und er mag Kriminalgeschichten, weil sie ein Rätsel sind, das man lösen kann. Als er eines Nachts den Hund der Nachbarin ermordet auffindet, macht er sich auf die Suche nach dessen Mörder. Was er sieht, erlebt, denkt, vermutet schreibt er in ein Buch, das er dem geneigten Leser ohne viel Aufhebens in die Hände legt.

Christopher ist Autist. Die Welt, die er zu zeigen hat, ist die, die uns täglich umgibt und die wir deshalb verlernt haben anzusehen. Er nimmt uns mit auf seine Reise, die ihn weiter führen wird als er je gegangen ist und je gehen wollte. Er erlaubt uns, neben ihm zu stehen, wenn er, um einen Nachbarn anzusprechen, mehr Mut aufwendet, als wir bräuchten, um von einer Klippe in die Tiefe zu springen. Wir dürfen neben ihm sitzen, wenn seine Angst vor der Welt so groß wird, dass er zu sterben glaubt. Nur berühren dürfen wir ihn nicht. Das hasst er. Ebenso wie die Farben gelb und braun. Er liebt die Wahrheit, Listen und die Farbe rot. Und er liebt Ordnung.

[S]ometimes, when I am in a new place and there are lots of people there it is like a computer crashing and I have to close my eyes and put my hands over my ears and groan, which is like pressing CTRL + ALT + DEL and shutting down programs and turning the computer off and rebooting so that I can remember what I am doing and where I am meant to be going.

Es fällt anfangs nicht leicht, sich dem Tempo Christophers anzupassen. Entweder man eilt schon voraus, wenn er noch steht, um zu schauen oder noch eine Frage zu stellen, die man selbst doch schon für beantwortet hielt. Oder man wartet noch am Zaun auf die Kekse und den Tee, die Mrs Alexander zu bringen versprach, während Christopher schon längst weiter gegangen ist, weil er der netten Nachbarin nicht traut, da sie eine Fremde ist und er sich keinen weiteren Ärger mit der Polizei erlauben kann. Sobald man aber seine eigenen Maßstäbe und Erwartungen an die Welt aufgibt und sich auf die Muster und den Rhythmus des Ich-Erzählers einlässt, kommt man zur Ruhe und es ist, als würde man das erste Mal sehend. Der Atem geht gleichmäßiger. Der Geist ist wacher. Und die Welt – die Welt wirkt plötzlich und zum ersten Mal handhabbar. Das liegt daran, dass sich Christopher Zeit nimmt. Er erklärt die Milchstraße. Mathematische Aufgaben. Entscheidungsprozesse. Den Unterschied zwischen Raum und Zeit und warum Witze schwierig sind und Metaphern Lügen. Mit großer Geduld zeigt er uns seine Schablonen, die er auf die Welt legt, um von ihrer Komplexität nicht überfordert zu werden.

[Father] held up his right hand and spread his fingers out in a fan. I held up my left hand and spread my fingers out in a fan and we made our fingers and thumbs touch each other. We do this because sometimes Father wants to give me a hug, but I do not like hugging people, so we do this instead, and it means that he loves me.

Manchmal sind die Erklärungen des Ich-Erzählers desillusionierend, weil er auf die Wahrheit und damit auf Logik beharrt, während wir an unseren Fantasien festhalten wollen. Und doch ist die Welt durch seine Augen unglaublich schön, klar und ebenmäßig. Es ist unsere Welt. Nur haben wir nie die Zeit gefunden, sie einmal in Ruhe zu betrachten.

Man möchte die Hand zu einem Fächer spreizen und sie dem Ich-Erzähler entgegenhalten. Stattdessen flüstert man nur leise: danke.


Mark Haddon: The Curious Incident of the Dog in the Night-Time
Vintage, 2003

Deutsche Ausgabe: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone
Aus dem Englischen von Sabine Hübner
Blessing Verlag, 2003

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